Der Flynn-Effekt

Warum wir schlauer als unsere Lehrer sind

Du thronst auf deinem Stuhl. Im Hintergrund sind die langatmigen Ausführungen deines gelangweilten Lateinlehrers zu hören, aber du sitzt da in der letzten Reihe und feilst konzentriert an deinem genialen Plan zur Welteroberung. Doch dein Lehrer erkennt deine Genialität nicht, denkt, du würdest dich mit irgendeinem trivialen Zeug beschäftigen und ruft dich auf, du sollst deine Übersetzung vorlesen.

Du kennst solche Situationen mit Sicherheit und bestimmt auch das Gefühl, in Wirklichkeit viel schlauer als deine Lehrer zu sein. Und das Beste: Die Wissenschaft gibt dir Recht!

Ganz kurz zusammengefasst beschreibt der Flynn-Effekt die Beobachtung, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient im letzten Jahrhundert stark angestiegen ist. Dazu muss man wissen, dass der IQ kein absoluter Wert ist, sondern immer im Verhältnis zum Rest der Bevölkerung steht. Ein IQ-Wert von 100 entspricht zum Beispiel immer dem durchschnittlichen IQ. Würde man mit den Maßstäben von heute die Menschen vom Anfang des 20. Jh. testen, läge der Mittelwert bei 70, das ist der Wert, ab dem jemand heute als geistig behindert gilt. Würde man auf der anderen Seite heute mit den Maßstäben von vor einem Jahrhundert testen, wäre der Durchschnitt bei 130, das ist der Punkt ab dem jemand als hochbegabt gilt. Und der IQ steigt immer weiter, pro Jahr ungefähr um 0,3%. Das heißt, dass Eltern durchschnittlich bei einem Intelligenztest etwa zehn Punkte weniger als ihre Kinder erreichen.

Verteilung des IQ in der Bevölkerung (ogy.de/j21h)

Woran liegt das? Waren unsere Vorfahren einfach nur dumm und wir dafür unfassbar schlau? Oder steckt da doch etwas ganz Anderes hinter? Dafür müssen wir uns erst einmal anschauen, was in einem IQ-Test überhaupt getestet wird. In den Bereichen, in denen z.B. Wortschatz und Rechnen geprüft werden, bleiben die Werte ziemlich konstant. Die starke Verbesserung des Gesamtergebnisses ist fast ausschließlich durch die Bereiche „Klassifizierung“, „abstraktes Denken“ und „hypothetisches Denken“ begründet.

Alexander Romanowitsch Lurija, ein sowjetischer Psychologe, sprach Mitte der 20er Jahre mit Menschen im ländlichen Russland. Er fragte zum Beispiel jemanden: „Was haben Krähen und Fische gemeinsam?“ Die meisten heute würde wahrscheinlich zumindest darauf kommen, dass beides Tiere sind, aber für diese Person hatten sie überhaupt nichts gemein: „Fische kann man essen, Krähen nicht. Eine Krähe kann nach einem Fisch picken. Ein Fisch kann einer Krähe gar nichts antun.“1 Sie war hauptsächlich daran interessiert, was sie mit einem konkreten Objekt machen könnte, nicht wie sie vollkommen unterschiedlich erscheinende Objekte in abstrakte Gruppen einteilen sollte.

Lurija ging zu jemand anderem und sagte: „Es gibt keine Kamele in Deutschland. Hamburg ist eine Stadt in Deutschland. Gibt es in Hamburg Kamele?“ und die Person sagte: „Nun, wenn es groß genug ist, sollte es Kamele geben.“1 Sie war nicht bereit sich auf das Hypothetische einzulassen und sich zu fragen, was wäre, wenn es irgendwo keine Kamele gäbe, sie wollte das als nichts anderes als ein konkretes Problem behandeln.

Und darin liegt auch die Lösung unseres Rätsels: Unsere Welt ist immer komplexer geworden. Wir müssen uns nicht mehr nur mit konkreten Objekten und Fragen auseinandersetzen, sondern auch in der Lage sein, abstrakt und hypothetisch zu denken. Es geht zum Beispiel auch in der Schule immer weniger darum, irgendeine Jahreszahl von irgendeiner Krönung irgendeines Königs auswendig zu lernen. Man muss vielmehr Zusammenhänge begreifen und Methoden auf unterschiedliche Inhalte anwenden. Und da die Anforderungen sich so stark verändert haben, hat sich auch unser Gehirn auf dieses Denken eingestellt. Am Ende ist das hier nur ein weiteres Beispiel dafür, wie flexibel doch ein menschliches Gehirn sein kann und natürlich auch der Beweis, dass du sehr wohl schlauer als deine Lehrer bist und daher selbstverständlich auch das Recht darauf hast, die Weltherrschaft an dich zu reißen!

  1. zit. nach James Flynn, ogy.de/mdlx

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